Lesung zum Thema Mensch und Tier


Frühjahrslesung der Autorengruppe Hunsrück
am 14. April 2013
im Schloß zu Simmern, großer Saal


Guten Tag, meine Damen und Herren. Ich bin Michael Dietz aus Bingen am Rhein. Da ich historischer Sachbuchautor bin, ist es gar nicht so einfach, zum Thema des heutigen Tages eine Vorlesestelle zu finden. Letztes Jahr im Herbst habe ich aber ein Buch über den Mäuseturm bei Bingen am Rhein geschrieben, das hier passen könnte. [Buch hochhalten]

Die Sage, die wir alle kennen, erzählt von einem Bischof, Hatto mit Namen, der von Mäusen in diesem Turm aufgefressen wurde.

Sie sehen, hier haben wir bereits das 1. Tier, die Maus!

Die bekannte Version der Sage ist die der Gebrüder Grimm von ~1850.

Der Mäuseturm selbst ist in der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts [~1325] erbaut worden, Bischof Hatto lebte aber ~400 früher. Zudem gab es 2 Bischöfe mit Namen Hatto: Hatto I. † 913, und Hatto II. † 970. Die Sage kann also nicht wahr sein, amüsant ist sie aber trotzdem.

Der Name des Turmes hat, wie oft vermutet wird, nichts mit „Maut“ zu tun. Dies hat Dr. Rudolf Steffens aus Simmern vom Institut für geschichtliche Landeskunde der Universität Mainz in der kürzlich erschienen Vereinszeitschrift des Hunsrücker Geschichtsvereins 1 dargelegt. [Zeitschrift hochhalten] „Maut“ sei ein bayersiches bzw. österreichisches Wort und war zu keiner Zeit im Rheinland bekannt.

1604 hat bereits der Mainzer Historiker Nicolaus Serarius gemutmaßt, daß der Name „Mäuseturm“ von „mausen“ kommt. Sie kennen sicherlich den Ausdruck „Die Katze läßt das Mausen nicht“. Es ist das Ausschauen und Auflauern der Katzen

unserem 2. Tier für heute

nach Mäusen gemeint. Der Mäuseturm ist also sicherlich ein Wachturm gewesen, der nach kommenden Schiffen Ausschau hielt, um die Schiffer vor den Untiefen der Stromschnellen dort im Rhein, dem Binger Loch, zu warnen.

Möglicherweise leitet sich der Name auch von dem mittelalterlichen Wort „musen“ ab, was doch „Zoll nehmen“ bedeutet. Die Zollstation lag aber am Rheingau-Ufer auf der anderen Flußseite und wurde von der Burg Ehrenfels betrieben.

Vielleicht kommt der Name auch von dem französichen Wort „Muserie“, was etwa „Geschütz“ bedeutet. Also ein bewehrter Turm, eventuell zur Unterstützung der Zollstation am anderen Ufer gegen flüchtige Nichtzahler.

→ /Galgenbaum-Theorie/

Nun gut. Die Sage wurde das 1. Mal ~1300 aufgeschrieben, von dem Pfarrer und Chroniker Siffrid von Meißen [† 1307]. Auch der Abt Johann Trithemius vom Kloster Sponheim bei Bad Kreuznach hat ~1500 die Sage in seine Chronik aufgenommen.

Die älteste [im Massendruck 2 ] gedruckte Fassung möchte ich Ihnen heute hier vorlesen. Es ist die von Georg Rollenhagen von 1595. [Buch hochhalten] Sie ist in mittelalterlichem Deutsch geschrieben, was sich heutzutage ein bißchen nach Mundart anhört, wie sie ja heute schon ein paar Mal hier vorgetragen wurde.

Die Sage vom Mäuseturm ist dort enthalten in der Geschichte „Der Froschmäuseler“.

Der Frosch, sehen Sie, das 3. Tier in der Reihe. –

Dies ist ein großes Epos, eine Reimgedicht mit ~16.000 Versen. Die Geschichte heißt so, weil sie von Fröschen und Mäusen handelt, genauer gesagt von dem sogenannten „Froschmäusekrieg“.

→ /Sage „Der Froschmäusekrieg“ von Homer und Giacomo Graf Leopardi/

Dieser Froschmäusekrieg trug sich folgendermaßen zu. Als sich der Mäuseprinz und der Froschkönig einmal trafen, bot der Froschkönig an, dem Mäuseprinz sein Land auf der anderen Seite des Sees zu zeigen. Der Mäuseprinz willigte ein, und da er nicht schwimmen konnte, nahm ihn der Froschkönig auf den Rücken, und sie schwammen in den See hinein. In der Mitte des Sees kam ihnen aber eine Wasserschlange entgegen.

Liebe Zuhörer, die Wasserschlange, das ist das 4. Tier in meiner heutigen Lesung!

Der Froschkönig bekam es mit der Angst zu tun und tauchte ab. Dabei ertrank der Mäuseprinz.

Der Mäusekönig und seine Mäuseschar schworen darauf den Fröschen Krieg und Vergeltung. Als sie nun zusammensaßen und über die besten Taktiken beratschlagten, erzählten sie zur Motivation auch alte Geschichten, in welchen die Mäuse Heldentaten vollbracht und Siege errungen hatten. Dabei kam auch die Geschichte um den Binger Mäuseturm vor, die ich Ihnen nun vorlesen möchte.

 

[2225] „Zu dem ist noch ein Zweifel dran,
ob die Maus gar nicht schwimmen kann.
Denn als Hatto, Bischof zu Mänz,
das Korn sammelt in seiner Grenz
und arme Leut kamen gelaufen,
[2230] um ihr Geld ihm Korn abzukaufen,
versperrt er die in eine Scheuer
und ließ sie verbrennen im Feuer.
Als aber die gefangenen Mann
ihr Jammergeschrei fingen an,
lacht der Bischof von Herzen Grund,
sprach mit seinem gottlosen Mund:

Wie schön können die Kornmeus singen,
kommt, ich will Euch mehr Korn bringen!

Von Stund an sah er Abenteuer,
[2240] die Meus liefen zu ihm vom Feuer
so heufig, daß niemand konnt wehren,
sie wollten ihn lebend verzehren.
Darum baute er mitten im Rhein
ein hohen Turm von rotem Stein,
den Euer viel haben gesehen,
darauf den Meusen zu entgehen.
Aber es war verlorene Sach,
sie schwummen ihm mit Haufen nach,
stiegen mutig den Turm hinauf,
[2250] und fraßen ihn ungebraten auf.“

 

_________

1 „Hunsrücker Heimatblätter“, Jahrgang 53, Nr. 151, März 2013.

2 Der Buchdruck wurde ~1400 als Blockbuchdruck erfunden. 1454 erfand Johannes Gutenberg (= „Johannes Gensfleisch“, † 1468) in Mainz die beweglichen Lettern und revolutionierte damit das Druckverfahren. Ab 1500 begann dann großflächig die „Industrialisierung“ des Buchdruckes.

 

 

 

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